Trauer um Professor Paul Kienle

Nachrichten aus dem Physik-Department - 2013-02-08

Prof. Dr.-Ing. Paul Kienle (Foto: W. Schürmann / TUM)

Das Physik-Department trauert um Professor Dr.-Ing. Paul Kienle, emeritierter Ordinarius für Physik der Technischen Universität München (TUM), der am 29. Januar 2013 nach schwerer Krankheit im Alter von 81 Jahren verstarb. Paul Kienle war ein Physiker von internationaler Bedeutung und Strahlkraft, dessen Leidenschaft der Teilchen-, Kern- und Atomphysik galt. Diese Gebiete brachte er mit den maßgeblich von ihm gebauten Beschleunigern in Garching und Darmstadt zu neuen Erkenntnissen.

Er war ein hervorragender Lehrer und Forscher, weltweit bekannt und hoch angesehen für seine wissenschaftlichen Arbeiten zum grundsätzlichen Verständnis des Aufbaus der Materie und zu den Gesetzen der Physik. Das breite Spektrum seiner Arbeiten beinhaltete unter anderem:

  • wissenschaftliche Untersuchungen zum Aufbau und den fundmentalen Eigenschaften von Atomen und Atomkernen
  • die Anwendung und Nutzung von Atomkernen zur Untersuchung von Festkörpern und Materialien
  • Studien zur starken Kraft in Systemen aus Kernbausteinen mit ungewöhnlichen Eigenschaften
  • die Suche nach der Verletzung fundamentaler Symmetrien in der Natur
  • die Konzeption, Umsetzung und pionierhafte Nutzung neuartiger Beschleunigerringe zur Speicherung energetischer schwerer Ionen

Als Lehrer, Forscher und Leiter großer Institute war er immer auch ein Vorbild, dem neben Wissenschaft und Lehre auch das menschliche Miteinander wichtig war.

Von der TUM an die TU Darmstadt und zurück

Nach Studium, Promotion und Habilitation an der Technischen Hochschule München (erst später Technische Universität München) wurde Paul Kienle zunächst Lehrstuhlinhaber für Strahlen- und Kernphysik an der Technischen Universität Darmstadt. Seine dortigen Forschungsschwerpunkte lagen in der Kernstrukturphysik und dem Aufbau einer Gruppe zur Mößbauer-Spektroskopie.

Seit 1965 war er Professor am Physik-Department der TU München und Lehrstuhlinhaber des Bereichs E12. Zunächst zielte seine Forschung auf Kernstrukturphysik mit Hilfe des Mößbauereffekts, er übernahm aber dann gemeinsam mit Prof. Dr. U. Mayer-Berkhout (LMU) den Aufbau und die Leitung des Beschleunigerlaboratoriums der LMU und TUM (jetzt Maier-Leibnitz-Laboratorium MLL von TUM und LMU). Forschungsschwerpunkt wurde nun die Schwerionenphysik.

Bezeichnend für den Stil in seinem Schaffen ist ein Artikel aus dieser Zeit im Spiegelheft vom Februar 1968, das das Titelthema “Götter oder Fach-Idioten” hatte. Der Titelgeschichte über die damaligen Strukturen und Hierarchien an deutschen Universitäten wird der Artikel “Paul, was du da sagst, stimmt nicht” gegenüber gestellt. Dieser berichtet über den fortschrittlichen und offenen, damals allerdings unkonventionellen Arbeits- und Diskussionsstil in der Arbeitsgruppe von Paul Kienle am Physik-Department der TUM.

Von 1972 bis 1975 war Paul Kienle auch Direktor des Forschungsreaktors München, und von 1976 bis 1977 war er Vorsitzender des Beschleunigerlaboratoriums (MLL) von LMU und TUM. In der Periode bis 1984 konzentrierte sich sein Interesse dann auf Experimente zu tiefelastischen Schwerionenreaktionen und Positronenproduktion bei Schwerionen-Stößen am UNILAC der GSI Darmstadt. Daneben gab es die Entwicklung eines ersten schwerionengepumpten Lasers.

Geschäftsführer der GSI

Von 1984 bis 1992 war Paul Kienle Wissenschaftlicher Geschäftsführer der Gesellschaft für Schwerionenforschung mbH, Darmstadt (GSI). Wichtige Erfolge waren dabei:

  • ein groß angelegtes Ausbauprogramm der GSI mit Genehmigung im April 1985
  • Konzeption, Leitung und Inbetriebnahme dieses GSI-Ausbaus mit dem Schwerionensynchroton SIS und dem neuartigen Experimentierspeicherring ESR
  • Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Elektron-Positron-Paarspektroskopie und der Antiprotonenerzeugung beim Schwerionenstoß

An der neu aufgebauten Anlage der GSI wurde erstmals die Methode der Elektronenkühlung für Schwerionenstrahlen demonstriert und für neuartige Experimente eingesetzt. Hinzu kam das erfolgreiche Konzept der Kombination eines Schwerionen-Synchrotrons mit einem Speicherring für gekühlte Ionenstrahlen, das der Physik bis heute neuartige Experimentiermöglichkeiten mit höchster Sensitivität und Präzesion ermöglicht und einzigartige Forschungsmöglichkeiten eröffnet.

Wirken: an der TUM und international

Nach seiner erneuten Rückkehr an die TUM leitete Paul Kienle ein weitgespanntes Forschungsprogramm auf verschiedenen Gebieten:

  • Elektron-Positron-Paarerzeugung
  • Studium der Antiproton, Kaon- und Pion-Erzeugung in dichter, erhitzter hadronischer Materie
  • erste Beobachtung des gebundenen Beta- Zerfalls
  • Beiträge zur Bestimmung des Alters unserer Galaxie
  • Synthese des schwersten doppelt magischen Kerns 100Sn
  • erste Beobachtung der pionischen Zustände in verschiedenen Kernen, um daraus den fundamentalen Ordnungsparameter der chiralen Symmetriebrechung zu bestimmen

Von 1994 bis 1996 war Paul Kienle Dekan der Fakultät für Physik und Mitglied des Senates der Technischen Universität in München. In diese Zeit fiel die Erarbeitung eines Strukturplans für die Fakultät für Physik und eines neuen Studienplans zur Reduzierung der Studienzeit, wie auch der Vorschlag eines Hochenergiekühlerrings für Antiprotonen bei der GSI Darmstadt.

Nach der Emeritierung in 1999 führte Paul Kienle im Rahmen eines Japan Society Promotion of Science Award an der University of Tokyo Untersuchungen von tiefgebundenen pionischen und kaonischen Zuständen durch. Ab 2002 übernahm er für mehrere Jahre die Leitung des Instituts für Mittelenergiephysik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien, dem heutigen Stefan-Meyer-Institut.

Paul Kienle war ein international hoch angesehener und geschätzter Wissenschaftler, der mehrfach weltweit zu längeren Forschungsaufenthalten eingeladen wurde. Verwirklicht hat er unter anderen diese Auslandsaufenthalte:

  • Brookhaven National Laboratory, USA 1957/1958, 1963
  • Argonne National Laboratory, USA, 1967-1969
  • Berkeley Lawrence Laboratory, USA, 1972
  • Tokyo University, Japan, 1976 und 1991
  • RIKEN Forschungsinstitut, Japan, 2001.

Paul Kienle war in allen Bereichen ein außergewöhnlicher Mensch: als Lehrer, als Forscher und als Leiter mehrerer großer Institute. Seine Leidenschaft für die Physik trieb ihn dazu, in seinen Vorlesungen jedesmal auch für sich selbst ein noch tieferes Verständnis zu erlangen, um damit seinen Studenten die Wunder und grundlegenden Gesetze der Natur zu vermitteln und sie dafür zu begeistern.

Die zahlreichen Diplomanden und Doktoranden seiner langen Forscherlaufbahn inspirierte er durch seine volle Hingabe zur Forschung. Als Leiter von Instituten war er engagiert, vorwärts schauend und forderte das Beste von seinen Mitarbeitern. Er war aber stets auch freundschaftlicher und wissenschaftlicher Kollege und Teil vom Team. Das Spektrum seiner wissenschaftlichen Arbeiten ist eindrucksvoll in Breite und Tiefe, mit vielen überragenden Ergebnissen.

Paul Kienle wird als Lehrer, Kollege und Forscher schmerzlich vermisst.

Prof. Dr. Walter F. Henning

Kondensierte Materie

Wenn Atome sich zusammen tun, wird es interessant: Grundlagenforschung an Festkörperelementen, Nanostrukturen und neuen Materialien mit überraschenden Eigenschaften treffen auf innovative Anwendungen.

Kern-, Teilchen-, Astrophysik

Ziel der Forschung ist das Verständnis unserer Welt auf subatomarem Niveau, von den Atomkernen im Zentrum der Atome bis hin zu den elementarsten Bausteinen unserer Welt.

Biophysik

Biologische Systeme, vom Protein bis hin zu lebenden Zellen und deren Verbänden, gehorchen physikalischen Prinzipien. Unser Forschungsbereich Biophysik ist deutschlandweit einer der größten Zusammenschlüsse in diesem Bereich.